Shetland Bus: Der gefährliche Weg in die Freiheit

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Denkmal in Scalloway, das an den „Shetland Bus“ erinnert. Foto: Lars Schmitz-Eggen

Shetland Bus wurde während des Zweiten Weltkriegs jene Route zwischen der norwegischen Westküste und den Shetland-Inseln genannt, die für ungefähr 3.500 Männer, Frauen und Kinder den Weg in die Freiheit bedeutete. Es war für sie die schnellste Möglichkeit, sich nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Norwegen am 9. April 1940 in Sicherheit zu bringen.

Vor allem in unscheinbaren Fischerbooten verließen auf diesem Weg unter anderem Juden, politisch Verfolgte und enttarnte Spione ihre okkupierte Heimat. Umgekehrt wurde der Shetland Bus schon bald genutzt, um britische Spione oder Kuriere nach Nordeuropa einzuschleusen, Sabotageaktionen vorzubereiten und den militärischen Widerstand in Norwegen zu unterstützen. Doch neben Angriffen der deutschen Luftwaffe gefährdeten auch schwere Stürme die Pläne.

Shetland Bus: 300 km durch die stürmische Nordsee

Bereits wenige Wochen nach der Besetzung Norwegens machten sich die ersten Boote auf den Weg, illegal die Shetland-Inseln anzusteuern. Man nutzte dabei eine sehr geschichtsträchtige Route, die schon von den Wikingern befahren wurde. Ging alles gut, erreichten die Flüchtlinge irgendwo zwischen Fair Isle im Süden und Unst im Norden die Shetland-Inseln. Von hier wurden sie zentral nach Lerwick gebracht. In der Hauptstadt richtete die Inselverwaltung ein Auffanglager ein. Der britische Geheimdienst nutzte die Gelegenheit und befragte die Ankömmlinge, um aktuelle Informationen über die militärische Lage in Norwegen zu erfahren.

Die meisten Überfahrten zu den Shetland-Inseln nahmen in der Region Bergen ihren Ausgang. Besonders in der ersten Zeit erfolgten die zirka 300 Kilometer weiten Überfahrten von West-Norwegen aus mehr oder weniger unorganisiert. Die Gruppen fanden sich zufällig, bestachen einen Fischer oder stahlen kurzerhand sein Boot, um sich auf den Weg machen zu können. Vielfach handelte es sich um alte, hölzerne Fischerboote. Nautisches bzw. seemännisches Know-how war in Reihen der Flüchtlinge keineswegs immer vorhanden. So gehörte auch aus diesem Grund sehr viel Glück dazu, die Überfahrt zu überleben und die britische Inselgruppe zu erreichen.

In den Fällen, in denen Fischer bei der Flucht geholfen hatten, strebten diese eine rasche Heimkehr nach West-Norwegen an. Zu groß war ihre Angst, dass die Deutschen durch eine ungewöhnlich lange Abwesenheit misstrauisch werden könnten. Das britische Militär erkannte die Chance, auf dem Rückweg via Shetland Bus eigene Spione nach Norwegen bringen zu lassen. Die norwegischen Fischerboote weckten keinen Verdacht und stellten eine optimale Tarnung dar. Die britischen Informanten ließen sich auf den norwegischen Inseln nieder und meldeten alle deutschen Schiffsbewegungen nach London.

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„Lunna House“ können Touristen heute als B&B buchen. Foto: Lars Schmitz-Eggen

Shetland Bus: Headquarter in Lunna House

Die Flüchtlinge in Lerwick einzuquartieren, wurde bald aber zu gefährlich. Sehr viele Kriegs- und Handelsschiffe liefen den Hafen Lerwicks in dieser Zeit an. Entsprechend viele Menschen mit sehr unterschiedlicher Gesinnung hielten sich hier auf. Deshalb fiel nach rund einem Jahr die Entscheidung, den Standort zu verlegen. Als neues Hauptquartier des Shetland Bus wurde die Lunna-Halbinsel im nordöstlichen Mainland auserkoren – eine abgelegene, einsame Region, in die sich kaum Fremde verirrten. Die topographische Lage mit Buchten und vorgelagerten Inseln war ideal für die Überfahrten. Unterhalb des altehrwürdigen Herrenhauses Lunna House gab es bereits eine unscheinbare Pier, wo die Boote weitgehend unbemerkt festmachen konnten. So wurde Lunna House für die Zeit zwischen Sommer 1941 und 1942 das Zuhause der norwegischen Widerstandskämpfer auf den Shetland-Inseln.

Die meisten Überfahrten wurden im Herbst und Winter durchgeführt. Im Sommer war das Risiko, von der deutschen Luftaufklärung entdeckt zu werden, sehr groß. Angesichts der nördlichen Breite sind die Tage zwischen Mai und September sehr lang. Die Chance, unter diesen Voraussetzungen unerkannt durch die feindlichen Linien schlüpfen zu können, war deutlich geringer als im Winter. Dann allerdings lief man Gefahr, dem Wetter zum Opfer zu fallen. So sank die „Blia“ im November 1941 auf ihrem Weg von Bømlo (südlich von Bergen) nach Lunna während eines Sturms mit 43 Menschen an Bord.

Die Überfahrten nahmen insgesamt nicht nur von der Region rund um Bergen ihren Ausgang. Nahezu die gesamte norwegische Westküste war ein Ausgangspunkt für den Shetland Bus. In Norwegen war es den Besatzungen strikt untersagt, mit ihren Familien oder Freunden in Kontakt zu treten. Selbst wenn sie in Sichtweite ihres Hauses anlegten, durften sie sich nicht zu erkennen geben. Die Gefahr, dass ihre Kontaktaufnahme beobachtet und den deutschen Besatzern gemeldet worden wäre, war zu groß.

Durchschnittlich fünf Tage dauerte die Reise. Eine Funkverbindung gab es in dieser Zeit nicht. Sie hätte vom Feind abgehört werden können. Insofern wusste man im Lunna House nie, ob die Mission erfolgreich durchgeführt worden war oder in einer Katastrophe geendet hatte. Erst wenn das vertraute Tuckern der Dieselmaschine in der Lunna Bay ertönte, konnten alle erleichtert sein.

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Der von den Norwegern in Scalloway gebaute Slipway. Foto: Lars Schmitz-Eggen

Shetland Bus: Scalloway wird neuer Ausgangspunkt

Doch länger als ein Jahr sollte auch Lunna nicht das Hauptquartier des Shetland Bus bleiben. Dann wurde das Städtchen Scalloway am Westufer des Mainlands auserkoren. Hier gab es Möglichkeiten, die Boote nach ihren Überfahrten zu reparieren und umzubauen. Militärische Einrichtungen sorgten dafür, dass die Bucht nicht wie Lunna Bay gänzlich ungeschützt war. Außerdem beklagten die Besatzungen, dass es im Lunna House kaum Möglichkeiten zur Zerstreuung gab. Scalloway hatte in diesem Punkt mit seinen Pubs mehr zu bieten. Lunna House ist mittlerweile ein B&B-Quartier (derzeit leider geschlossen!), von dessen Umgebung man dank Webcam einen guten Eindruck bekommen kann.

Die Überfahrtzeit verlängerte sich durch den Umzug nach Scalloway spürbar. Doch die Norweger ließen sich gerne in der kleinen Hafenstadt nieder und bauten hier ihre eigene Slipanlage, die noch heute zu sehen ist.

Der Winter 1942/43 forderte große Verluste sowohl an Booten als auch Menschenleben innerhalb des Shetland Bus. Es wurde deutlich, dass die Überfahrten nicht länger mit alten, langsamen Fischerbooten durchgeführt werden konnten. Deshalb wandten sich die Norweger an die US-Navy und baten um materielle Unterstützung. Mit Erfolg. Die USA übergaben den Widerstandskämpfern auf den Shetland-Inseln drei, ursprünglich für die U-Boot-Jagd gebaute Schnellboote. Man benannte sie nach den norwegischen Inseln Hitra, Hessa und Vigra.

Die drei Boote verkehrten von da an bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Norwegen (7. Mai 1945) zwischen dem skandinavischen Land und den Shetlands, ohne dass dabei ein weiteres Menschenleben verlorengegangen wäre. Einige Historiker gehen so weit festzustellen, dass nicht zuletzt der ständige Verkehr zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen in den letzten Kriegsjahren dazu geführt hätte, dass Deutschland den Eindruck gewann, in Norwegen mit einer Invasion rechnen zu müssen. Aus diesem Grund wären von der Wehrmacht 350.000 Soldaten in den Norden verlegt worden, die dann am so genannten „D-Day“ (6. Juni 1944) in der Normandie gefehlt hätten.

Insgesamt konnten dank des Shetland Bus nicht weniger als 3.500 Menschen von Norwegen aus in Sicherheit gebracht werden. 44 Besatzungsmitglieder kamen während ihrer Operationen ums Leben. An sie erinnert heute ein Denkmal auf der Uferpromenade von Scalloway.

(Text: Lars Schmitz-Eggen, Informationen: Douglas C. Smith)

Offizielle Website von Scalloway

Scalloway Museum – die beste Adresse auf den Shetland-Inseln, um sich über den Shetland Bus zu informieren

Die derzeit ultimative Website rund um die Geschichte des Shetland Bus